6000 Tage FC Thun

Seine Nebenmänner wechseln ständig, Ulrich Fivian aber sitzt seit 16 Jahren bei jedem Spiel auf der Bank des FC Thun. Nach Balljunge, Spieler, Sportchef, Ticketverkäufer ist er heute Teammanager seines Herzensklubs. Und er hat noch lange nicht genug.

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I
n keiner anderen Branche wechselt die Belegschaft derart rasant wie in einem Fussballklub. Spieler kommen und suchen bald woanders eine neue Herausforderung, Trainer müssen in Krisenzeiten als erste die Koffer packen, selbst der Präsidentenstuhl wird in regelmässigen Abständen neu besetzt. Nirgends zeigt sich das deutlicher als anhand der Mannschaftsfotos: Betrachtet man zwei im Abstand von fünf Jahren aufgenommene, findet man nur Vereinzelte auf beiden Fotos.

 

Doch es gibt Ausnahmen. Ulrich Fivian ist so eine. Seit 16 Jahren sitzt er beim FC Thun auf der Trainerbank, nur zwei Partien hat er in dieser Zeit verpasst. Und in dieser Zeitspanne erlebte man bei den Berner Oberländern mehr als in jedem anderen Schweizer Verein: Abstiegskampf in der Nationalliga B, der sensationelle Aufstieg in die Super League, die magischen Nächte in der Champions League, der darauf folgende Abstieg und der Wandel zu einem soliden Super-League-Klub. Fivians Herz schlägt allerdings noch länger für den FC Thun. Schon als kleiner Knirps besuchte er mit seinem Vater die Heimspiele, mit 12 Jahren begann er als Junior selber zu kicken, kaum volljährig debütierte er in der ersten Mannschaft. Dort entwickelte er sich zu einer fixen Grösse in der Innenverteidigung. Der Trainer, der stets auf ihn zählte, sollte später Geschichte schreiben mit dem Verein. Sein Name: Hanspeter Latour.

 

Diese unterschiedlichen Phasen will Fivian nicht miteinander vergleichen. «Ich schaue nie zurück, deshalb vermisse ich auch nichts», schmunzelt der braungebrannte 61-Jährige, dessen Lederjacke in Thun längst zum Erkennungszeichen geworden ist. Heute füllt er die Funktion des Teammanagers aus. Diesen Job verdankt «Uele», wie sie ihn hier alle nennen, einem Missgeschick. 2001 ging beim Ausfüllen des Matchblattes ein Spieler vergessen. Die Folgen waren schwerwiegend: Die Partie verlor Thun forfait und fiel deswegen in die Abstiegsrunde der Nationalliga B. Präsident Weder erinnerte sich an den einstigen Abwehrhaudegen, und der erklärte sich sofort bereit auszuhelfen – ehrenamtlich, versteht sich.

 

Sein Aufgabenbereich erweiterte sich bald erheblich. Als der Verein nach dem Abgang von Georges Bregy zum FC Zürich auf Trainersuche war, schlug Fivian seinen einstigen Mentor Hanspeter Latour vor. Er konnte die Kritiker überzeugen, und so brach in Thun eine neue Ära an. Latour zeigte unglaublichen Einsatz und forderte auch von Staff und Spielern viel. Trotz einer Vollzeitanstellung bei einer Tankstellengruppe musste Fivian unter der Woche an Testspiele mitreisen, manchmal gar als Masseur einspringen und zudem auf der Geschäftsstelle aushelfen. «Unter Latour musste man entweder mitziehen oder es ganz bleiben lassen. Es hat sich gelohnt: Kein anderer hätte Thun in die Nationalliga A führen können», ist sich Uele heute sicher.

 

Selbst als Sportchef amtete Fivian zu jener Zeit, kümmerte sich um Transfers und Verträge. Das unerhoffte Champions-League-Abenteuer entschädigte für die Entbehrungen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm das Spiel bei Arsenal: «Arsène Wenger hat jeden von uns per Handschlag begrüsst. So etwas habe ich nie erlebt bei grossen Teams. Ein wahrer Gentleman!» Mit dem Geld aus der Königsklasse konnte Thun seine Strukturen professionalisieren, und Fivian kümmert sich seither um das, wofür er eigentlich angestellt ist. Obwohl er dazu mit einem Lachen sagt: «Bei mir ging und geht es vielmehr um Herzblut denn um Geld.» «Bei mir ging und geht es vielmehr um Herzblut denn um Geld.» Er schätzt es sehr, dass in Thun trotz des grossen Wandels die familiäre Atmosphäre erhalten geblieben ist. Zu seiner Aktivzeit gingen die Spieler oft zusammen essen, bei Thun ist das auch im Profi-Zeitalter so geblieben.

 

Als Teammanager sorgt er heute dafür, das die Teamaufstellung korrekt dem Verband gemeldet wird, und dass keine gesperrten oder anderweitig nicht spielberechtigte Akteure eingesetzt werden. Darüber hinaus arrangiert er Testspiele und organisiert die Reisen an die Auswärtsspiele sowie die Verpflegung. Im Gegensatz zu den meisten Ligakonkurrenten reist der FC Thun erst am Matchtag an, was Fivian schon einige bange Stunden im Stau beschert hat. Darüber hinaus kümmert er sich auch darum, dass Angehörigen und Freunde seiner Spieler die bereitgestellten Tickets erhalten. Wenn sämtliche Arbeiten erledigt sind, nimmt Ulrich Fivian auf der Spielerbank Platz – wie seit 16 Jahren schon.

 

 

 

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