Niemandem wurst

In Sion ist es das Raclette, in St. Gallen die Bratwurst ohne Senf: Auch das Berner Stade de Suisse hat sein kulinarisches Markenzeichen. Dort wartet die deftige YB-Wurst darauf, von den hungrigen Matchbesuchern verzehrt zu werden.

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W
issenschaftler oder Juristen würden mich Fleischerzeugnis nennen. Aber im Fussball geht es bekanntlich um mehr, um Emotionen und Leidenschaft, um Nostalgie und Geschichte. Und deshalb bin ich Kult. Ich bin die YB-Wurst. 140 Gramm währschafte Verpflegung für den karnivoren Teil der gelb-schwarzen Gemeinde. Für sie bin ich ein Genuss. Viele sehen in mir auch die einzige wirkliche positive Konstante im Berner Fussball. Ob YB eine Gala abliefert oder einen Match vergeigt: Dank mir gehen die erfolgshungrigen Zuschauer zumindest kulinarisch stets gesättigt nach Hause. Ich bin immer für alle da. 

 

Als YB zum letzten Mal einen Titel gewann – das ist jetzt 30 Jahre her – gab es mich bereits. Entstanden bin ich in den 70er-Jahren im altehrwürdigen Wankdorf. Vor meiner Zeit liess die Verpflegungsequipe unter den beiden Türmen mit den grossen Uhren ein paar Schweinswürstchen im kochenden Wasserkessel heiss werden. Dazu gabs Brot und Senf. Ja, meine Vorgänger erwiesen ihren Dienst durchaus auch. Doch manchmal wehte durchs Wankdorf eine solch steife Brise, dass es die Matchbesucher nach etwas Deftigerem gelüstete. Stadionlieferant Bell erhörte sie. Ich, die YB-Wurst, war geboren.

 

Geändert hat sich seither viel: das Stadion topmodern, die Fussballer Profis, die Fans im Dauergesang. Nur ich bin noch immer dieselbe, dank den Metzgern von Bell und ihrem Rezept. Man nehme kistenweise Schweizer Rind- und Schweinefleisch sowie Speck. Dazu gebe man etwas Schwartenfett für die Konsistenz. Dies werfe man in einen übergrossen Fleischwolf, den sie liebevoll «Cutter» nennen. Er schnetzelt die Masse zu einem groben Wurstbrät. Wärmer als 10 Grad darf das Fleisch nicht werden, darum kommt noch Eis dazu. Jetzt darf der Metzgermeister würzen – und zwar reichlich. Der Inhalt der Mischung bleibt natürlich streng geheim. Mich soll es eben nur bei YB geben. So entsteht Wurst für Wurst, Hunderte von Kilos, in einen schönen Naturdarm, der alles zusammenhält. Zuletzt bekomme ich noch einen dieser Clips, werde aufgehängt, gelagert, und dann gehts ab mit dem Lastwagen Richtung Stade de Suisse. Am Matchtag locke ich nicht wie meine Kollegen in St. Gallen auf dem Grill brutzelnd Hungrige an, sondern entfalte im Steamer meinen vollen Geschmack und werde dann im heissen Wasser warmgehalten.

 

Und nun kommt der Moment, wo mich die gelb-schwarzen Herzen genüsslich und liebevoll verzehren. Um meine dicke Hülle zu knacken, muss der YB-Fan so richtig zünftig in mich reinbeissen. Dann spritzt das Fett – meterweit und in alle Richtungen. Im Restaurant müsste der Gast sich jetzt bei der Dame am Nebentisch nicht nur entschuldigen. Es wäre gar angebracht, ihr die Reinigung des Mantels anzubieten. Nicht so im Stade de Suisse. Die YB-Fans sind bekanntlich ein tolerantes Völkchen, ja sie mögen es sogar wenn das Fett aus mir herausdringt. Es gehört zum Matcherlebnis dazu. Die Spritzer auf dem Rücken zeugen noch am Folgetag vom Stadionbesuch. Die YB-Fans verzeihen mir vieles. Denn sie wissen, wie sehr sie mich wieder brauchen werden, wenn wieder einmal eine schwere YB-Stunde anbricht wie jüngst im Cup gegen Winterthur.

 

Dabei brodelte es in der Gerüchteküche immer wieder: Ich würde dereinst abgesetzt oder ersetzt, munkelten viele etwa beim Umzug vom alten Wankdorf ins Stade de Suisse. Die Fans vermissten mich schon, obwohl ich gar nie weg war. Als YB übergangsweise im Neufeld-Stadion auflief, stimmten sie zu meiner Ehre sogar einen Fangesang an. Der ging so: «Wollt ihr einen Landjäger? Nein! Wollt ihr einen Cervelat? Nein! Was wollt ihr denn? Eine YB-Wurst! Eine YB-Wurst!»«Wollt ihr einen Landjäger? Nein! Wollt ihr einen Cervelat? Nein! Was wollt ihr denn? Eine YB-Wurst! Eine YB-Wurst!» Natürlich führte mich die Firma Bell dann auch im Stade de Suisse weiter, und mein Kultstatus erreichte neue Höhen.

 

Heute kennt mich ganz Bern, auch ausserhalb des Stadions. Man kann sich beim Grossverteiler für den Grillabend mit mir eindecken. Manche nehmen mich auch in die Badi mit, nicht nur zum Verzehr. Mehrfach könnt ihr mich im Sommer die Aare herunterschwimmen sehen – als übergrosse, aufblasbare Wurst, auf der sich Berner Wasserratten und Badenixen herumtollen. Auch das ist mir recht. Ihr seht: Die YB-Wurst ist für alle und alles da. Nur eines lässt sich mit mir nicht anstellen: Obwohl ich zu den Rauchwürsten gehöre, bin ich nicht hier um Dampf abzulassen. Ich mag’s eben gemütlich.

 

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